Balance und Aufmerksamkeit – Ein Artikel im Yoga-Journal

TEXT: SYBILLE SCHLEGEL  ILLUSTRATION: ANDREAS PETERS

„ENDLICH WIEDER in die Mitte turnen,“ sagte eine Schülerin einmal, als sie sich augenscheinlich mit letzter Kraft in die Yogaschule schleppte. „Ein netter Ausdruck!“, dachte ich mir. Das Gefühl nach einer Asana-Praxis ist wirklich so: happy, aber nicht aufgedreht, geerdet, aber nicht müde – einfach irgendwie erfüllt und in der Mitte. Das ist gemäß der vielleicht wichtigsten Quellenschrift des Yoga, Patanjalis Yogasutra, auch das Ziel der Asana-Praxis. Die drei Sutras zum Thema sind im zweiten Kapitel, dem Praxis-Buch (Sadhana Pada) zu finden, nach den Su- tras über die yogischen Qualitäten, die es zu etablieren gilt (Niyama) und vor den Sutras zum Atem (Pranayama):

2.46 sthirasukhamāsanam 2.47 prayatnaśaithilyānanta-

samāpattibhyām
2.48 tatodvandvānabhigātah-

prayatnaśaithilyānanta- samāpattibhyām

Erst mal ganz hemdsärmelig übersetzt, wie mein Englischlehrer früher in der Schule zu sagen pflegte, erläutert Patan- jali hier zweierlei: einen Zustand, der beim Üben von Asana eintritt oder eintreten sollte, zugleich aber etwas, das eine be- liebige Körperposition überhaupt erst zu einer Asana macht: Dieser Zustand ver- eint die Qualitäten von Stabilität, Stärke und Festigkeit mit denen von Freude und Leichtigkeit (2.46). Also die Qualitäten von Arnold Schwarzenegger in seinen besten Jahren mit denen eines federleichten Schmetterlings. Nur damit wir mal ein Bild im Kopf haben – beziehungsweise ein Gefühl im Körper. Der Kopf scheitert an dieser Vorstellung, der Körper aber erinnert sich: Irgendwiegut. Irgendwierichtig gut.

Irgendwie … in der Mitte.

Aber zäumen wir das Pferd doch auf, wie es sich gehört, nämlich von vor- ne: Wasist eigentlich „Mitte“? Nach Wiki- pedia, ist die Mitte das, wasgleich weit von mindestens zwei Enden oder Begrenzungen entfernt ist. So wie der Mittwoch ge- nau zwischen Montag und Freitag liegt. Außerhalb der Mitte ist der Abstand zu einem Ende näher und zum anderen weiter. Wenn beide Enden, zwischen denen wir uns befinden, eine Anziehungs- kraft ausüben, ist diese stärker auf der nä- her gelegenen Seite. Es zieht uns dorthin. In Bezug auf Gewichtsverteilung heißt das Balance. SUP-Yogis wissen, was ich mei- ne. Dabei ist es egal, um welche Seite es sich handelt. Näher dran = stärkere An- ziehung. Eine Bewegung in Richtung des Gegenpols verringert das Anziehen des ersteren durch den steigenden Einfluss deszweiten. In der Mitte selbst, in der Ba- lance, ist keine Auswirkung einer Seite zu spüren. KeineKraft überwiegt. Stillstand.

In Bezug auf die Sutras müsste das bedeuten, dass der Schwarzenegger- Anteil und der Schmetterling-Anteil genau gleich groß sind. Aber schauen wir uns doch die betreffenden Sutras mal genauer an …


DER SITZ ZWISCHEN DEN STÜHLEN

Die meisten Übersetzungen des Yoga- sutra geben Sutra 2.46 mehr oder we- niger so wieder: „(Die) Asana ist stabil und angenehm (zugleich).“ Im Original stehen die Wörter „stabil, fest“ (sthira), „angenehm, freudvoll“ (sukha) und „Sitz, Haltung“ (Asana) direkt hintereinander. Mehr nicht. Asana fungiert als Subjekt des Satzes, sthira und sukha als Attribute zu diesem Subjekt. Sie sind nicht durch das Wort „und“ verbunden, sondern ste- hen zusammen als sogenanntes Kompo- situm: Im Sanskrit kann man nämlich – ähnlich wie im Deutschen – Wörter aneinanderkleben. Je nach Art dieser Ver- bindung verändert sich die Bedeutung ein bisschen. Das Grammatikbuch klärt auf, dass ein Satz-Zusammenhang im Sanskrit oft „oblik“ – also verborgen – ist und somit ein zu interpretierender. Wie sexy …


Die erste Möglichkeit der Übersetzung ist die eines Dvandva-Kompositums und die meisten Übersetzer verwenden diese Option und geben die Bedeutung so wieder: „Stabil und angenehm (ist) der Sitz.“ Das erinnert an die Geschichte von Goldlöckchen und den drei Bären: Der erste Stuhl ist zu hart, der zweite zu weich, aber der dritte ist goldrichtig. Was Goldlöckchen bei den ersten beiden Sitz- gelegenheiten bemängelt, ist die vorherr- schende Qualität einer Seite – entweder der harten, festen, stabilen, oder der wei- chen, lockeren, entspannten. Das eine war zu solide, das andere zu wenig stützend – labberisch, sagt man in Hessen. In den körperlichen Yogaübungen fungiert der eigene Körper als Stuhl. Und zwar entwe- der tatsächlich sitzend oder aber die ver- schiedensten Haltungen ausführend. Die- se Körperhaltung kann sich dabei sehr fest anfühlen – entweder aufgrund eineshohen Muskeltonusoder aufgrund von fehlender Beweglichkeit. Der Körper kann aber auch sehr weich sein, kraftlos, ohne Statik.


Bei der zweiten Möglichkeit der Übersetzung stehen die Adjektive sich nicht als Kontrast gegenüber, den es aus- zugleichen gilt. Vielmehr beschreibt das vordere Wort sthira das hintere sukham. Das würde dann bedeuten: „Asana ver- leiht kontinuierlich ein gutes Gefühl.“ Klingt erstmal ziemlich anders, doch beide Optionen führen uns zum gleichen Ziel: in die goldene Mitte.

WARUM DIE MITTE GOLD WERT IST

Das folgende Sutra 2.47 könnte man so übersetzen: „Beständig ausgeübte Ent- spannung und Einswerden mit dem Unendlichen (sind das Ergebnis).“


Wenn man Asana übt, dann passiert irgendwann unweigerlich das, was bei Anfängern in Positionen wie dem Baum und bei Fortgeschrittenen zum Beispiel im Kopfstand spürbar wird: Es ist wackelig. Die Erdanziehungskraft wirkt stärker auf eine Körperseite, sei es nun links/rechts, vorne/hinten oder eine Kombination da- raus. Durch Anspannung der gegenüber- liegenden Muskeln wird ein Fallen ausge-glichen. Ist diese Anspannung zu intensiv oder wird sie zu plötzlich ausgeführt, dann wirkt die Erdanziehungskraft in die andere Richtung. Wieder werden Muskeln angespannt, um den Bemühungen des Planeten um mehr körperliche Nähe entgegenzuwirken.

Doch mit bewusstem Spüren und feinfühligem Aktivieren pendelt man sich nach und nach ein – und dann kann Folgendes geschehen: Alles wird plötzlich ganz leicht. Kein Ziehen in eine Richtung, keine stärkere Spannung einer Körperhälfte. Mit einem Mal ist sieda: dieberühmte Mitte. Wenn man wirklich in Balance ist, hört das dynamische Pendeln zwischen den Gegensätzen auf. Anspannung und Entspannung sind in perfekter Harmonie.

Wenn sich alles so leicht anfühlt, dann werden wir automatisch still, der Geist (Citta) kehrt sich nach innen. Mit anderen Worten: Der Teil in uns, der sonst beson- ders gerne und viel pendelt und von einem Gedanken zum nächsten hopst, spiegelt nun dieseüber den Körper wahrgenomme- ne Ruhe wider. Diese Ruhe, sagt Patanjali, ist dasPortal zu unserem Ursprung, der un- endlich ist, vollkommen, allwissend, ewig. Das reine Sein, das reine Bewusstsein und die reine allumfassende Freude. Gar nicht schlecht – „not too shabby,“ würde meine Lehrerin Manorama sagen.

Das bedeutet: Asanas machen es möglich, über die Erfahrungsebene des Körpers mit seinem faszinierenden Ner- vensystem auf das einzuwirken, was uns normalerweise am Erleben unserer wah- ren Natur hindert: den stetig strudelnden Geist, der sich auf-regt oder ab-regt, sich freut oder leidet. Dieses „dynamische Pendeln“ des Geistes zwischen zwei Ex- tremen kommt uns ganz normal vor, es bedeutet aber eigentlich Stress pur. Mei- ne Tochter ging mal – da war sie noch etwas kleiner – mit mir eine Straße hin- auf. Oben angekommen blieb sie stehen, blickte zurück und sagte: „Mama, schau mal: Da unten habe ich gelacht. Bei dem Haus dort habe ich geweint. Dann dort am Garten habe ich wieder gelacht. Dann noch mal geweint. Und jetzt lache ich. Wie komisch und anstrengend!“ Aller- dings! (Ich war ja schließlich empathisch und physisch dabei …)

Das Pendeln der Emotionen be- ruht auf einer Grundeinstellung un-
seres Gehirns, die die Welt und alle Erfahrungen einteilt in: „Mag ich“
und „Mag ich nicht“. Dadurch
wird ein Belohnungssystem
aktiviert, das in    einen
Automatismus führt:
Wir wiederholen dieses
Spiel immer  und immer

wieder. Die Entscheidung, was man mag und was nicht, kann situativ sein oder mit unserem Selbstbild zusammenhängen. In einem nicht-bewussten neuronalen Prozess werden Wahrnehmung (pramana oder viparyaya vritti), Vorstellungen (vikalpa vritti) und Erinnerungen (smrti vrtti) ab- geglichen, dieEntscheidung wird gefällt

und der präfrontaleCortex über diese Entscheidung informiert. Jetzt wis-

sen wir esauch und nutzen mög- licherweise noch bewusst unsere Gedankenkraft, um unsere Ent- scheidung (logisch) zu begründen.

Mit anderen Worten: Wir befinden uns kontinuierlich unter der Herrschaft des Citta! Und Facebook und Co. triggern das sogar noch weiter …

IN DER RUHE LIEGT DIE KRAFT

Im Gegensatz zu dieser inneren Unruhe,
ist das Gefühl      „die Mitte gefunden zu haben“, dieses Schwelgen in stabiler Ent- spanntheit und innerer Ruhe, wirklich erstrebenswert. Selbst wenn Asana mal ursprünglich wegen des schmerzenden Rückens oder der Bikinifigur geübt wur- de, gibt es schlechtere Nebenwirkungen als das, was Patanjali in Sutra 2.48 ver-
spricht: „Dann (wird der/die Übende) immun gegenüber den Gegensätzen.“ Das heißt, je häufiger und je beständiger man übt, desto häufiger und beständiger wird das Gefühl von innerer Balance. Desto weniger wirkt sich das „Mag ich“/„Mag ich nicht“ auf unsere Gefühle und Hand- lungen aus. Wir machen uns frei davon. Das ist ein natürlicher Prozess, der an sich überhaupt keinen Aufwand erfordert. Es heißt aber nicht, dass das Leben plötzlich frei von jeglichen pendelhaften Einwir- kungen wird. Diese sind das Wesen von Prakriti, der Welt der Materie und Energie. Fließen braucht Spannungs- oder Höhenunterschiede. Die Frage ist ledig- lich, warum man sich auf die Achterbahn begeben muss, wenn man schon weiß, dass das Frühstück den Rückweg antre- ten wird. Man könnte auch gemütlich auf einer Bank sitzen, Eis schlecken und be- obachten. Hoch-runter, langsam-schnell, laut-leise, fröhlich-traurig, ruhig-wild … Von der Mitte aus betrachtet, ist das Leben zwar trotzdem so, wie es ist, aber es stört, stresst und verletzt weniger.

AB DURCH DIE MITTE

Darüber hinaus wirkt die Verbindung zum eigenen Sein von innen nach außen: Wer in der Mitte ist, findet mehr Balance in allen Bereichen: zwischen Arbeit und Privatleben, zwi- schen Hobby und Müssen, zwischen sich selbst und anderen, zwischen Verstand und Gefühl. Dadurch wird das Leben – formerly known as Achterbahn – zur Yogamatte: Jeder Moment ein Üben, in der Mitte zu bleiben (abhyasa), eine Gelegenheit achtsam und bewusst zu fühlen.

Letztendlich ist das In-der-Mitte-sein das Resultat aller Elemente des achtgliedrigen Yogawegs von Patanjali: zwischen individuellem Wahrnehmen und dem Gefühl, ein Teil des großen Ganzen zu sein, zwischen Disziplin und Zufriedenheit, zwischen selber machen und annehmen. Zwischen Anspannung und Entspannung, zwischen Einat- mung und Ausatmung, zwischen Außen und Innen. Patan- jalis Welt ist die Welt der Samkhya-Philosophie – geteilt in Bewusstsein und Materie. In der Materie sind wir immer, doch wir können noch mehr: Der Zugang zum Bewusst- sein liegt in der inneren Mitte: Da wo es keine Gegensätze mehr gibt. Denn nur hier existiert alles auf einmal – und nichts. Nur hier ist alleseins. Nur hier ist man mittendrin … statt nur dabei.



Sriram, wo begegnen uns die drei Gunas?

Sie begegnen uns überall in der Welt und in unserem Alltag – darin, wie der Körper funktioniert, wie der Geist funktioniert, aber auch in all den Dingen um uns he- rum. Es sind grundlegende Gesetze, die die Natur bestimmen und den Kosmos am Wirken halten.

Was sind das für Gesetze?

Da gibt es eine Kraft, die nach unten zieht oder rückwärts: Tamas. Dann eine Kraft, die nach vorne prescht oder auf- wärts: Rajas. Und schließlich eine, die bemüht ist, ein Gleichgewicht herzu-
stellen   und den Status Quo zu wahren: Sattva. Alle drei sind immer in allem vorhanden, aber in unterschiedlicher Gewichtung.

Wie kann man sich dieses Wechselspiel konkret vorstellen?

Wenn ich zum Beispiel aufwachen will, brauche ich die vorwärts preschende Kraft, und wenn ich einschlafen will, muss die rückwärts ziehende Kraft wir- ken. Um aber ganz ruhig bei etwas blei- ben zu können, einer Tätigkeit, einer Me- ditation oder auch im tiefen Schlaf, ist die dritte, die bewahrende Kraft nötig..

Guna bedeutet ja wörtlich übersetzt Faden oder Strang. Könnte man sagen, dass die Gunas die Fäden sind, aus de- nen die Welt gewebt ist?

Nicht in dem Sinn, dass Gunas Substan- zen wären, sondern in dem Sinn, dass ein Guna einen gewissen Aktivitätsstrang be- wirkt. Es gibt nur eine Grundsubstanz, dieman im Sanskrit Mulaprakriti nennt,

also Urmaterie. Aber warum ist aus dieser Ursubstanz überhaupt etwas geworden? Weil in ihr dieDreierkraft der Gunasent- halten ist, die eine Spannung erzeugt und für Veränderung sorgt: Wenn die nach außen gehende Kraft explodiert, dann beginnt die Schöpfung. Die rückwärts ziehende Kraft erzeugt den Widerstand, der nötig ist, um Substanz zu formen. Die dritteKraft ist dafür verantwortlich, dass dieses Entstandene als Einheit erhalten bleiben kann: Sie „will“ weder die explosive Weiterentwicklung noch die Zurück- bildung, sondern den Status Quo.

Dabei sind die Gunas aber         immer wieder verschieden stark in ihrer Ge- wichtung?

Richtig und dadurch entsteht Unterschiedlichkeit in der Schöpfung.