Yogaweg – Jahrestreffen 22.08.- 25.08.2019 – Vortrag von Anjali

FEUER – VERLANGEN – PSYCHE – YOGA

Brasilien brennt und das ist traurig. Sibirien hat gebrannt und Indien hat auch gebrannt. Das hängt zusammen. Warum brennt zurzeit so viel? Man hat das Gefühl, dass die Erde brennt. Die ganzen Bewegungen, die jetzt für den Umweltschutz und für den Klimaschutz entstehen, wirken plötzlich so ohnmächtig, wenn man das Ausmaß der Katastrophen der brennenden Wälder auf unserer Erde sieht. Ich wage zu behaupten, dass ich weiß woher das kommt, weil ich es diesen Winter am eigenen Leib erfahren habe. Das möchte ich Euch erzählen:

Zuerst ist die Gemeinsamkeit des Feuers in der menschlichen Psyche. Unsere menschliche Psyche ist ummantelt von Verlangen. Z. B., als ich ein kleines Mädchen war, gab es Erdbeer-Eis und Haselnuss-Eis. Das wurde gefeiert. Irgendwann gab es Vanille-Eis und Schokoladen-Eis. Jeder wusste, dass das von woanders herkommt. Heute essen wir Maracuja-Eis, Mango-Eis und Kokos-Eis. Woher kommt das? Warum ist das Verlangen so groß, dass wir nur zu einem Eisladen gehen, der 36 Sorten anbietet? Warum gehen wir nicht so gerne zu einem Eisladen, der nur Erdbeer-Eis und Haselnuss-Eis verkauft? Das ist schon ein tolles Gefühl, wenn wir vor 36 Eissorten stehen und uns von allem nehmen können, was die Erde zu bieten hat. Warum essen wir keine Gerstengrütze und Buchweizenbrei mit Haselnüssen oder Graupensuppe? Wir müssen Quinoa und ungewöhnliche Reissorten essen. Das hat auch etwas mit unserem Verlangen zu tun.

Was ist das menschliche Verlangen? Das Verlangen geht in die Weite. Ich verlange etwas, was mir nicht das Nächste ist. Ich werde gelangweilt, wenn ich alles habe. Wenn wir unser dharma leben, wenn wir einen tollen Job haben, wenn wir Millionäre sind, auch wenn wir alles haben, sind wir immer noch nicht zufrieden. Unser Verlangen ist immer noch da. Wir können unglaublich gut atmen, Yoga machen, in der Meditation sitzen, aber das Verlangen wird uns wieder einholen. Wir werden irgendetwas verlangen, z. B. unser Raum muss schöner sein, wir wollen mit unserem Meister zusammensitzen, wir wollen mit dem den wir lieben vereinigt sein, wir wollen Erlebnisse. Wir sind ständig im Besitz des Verlangens, und ist es auf Entwicklung und Entfaltung wie der Überwindung der Dualität gerichtet ist es in den Bahnen der Evolution, aber ist es z. B.  nach Avocados, nach Bananen. Acerolakirsche als dem neusten Konsumschrei gerichtet wird e problematisch. Acerolakirschen sind sehr vitaminreich. Schlehen auch, aber sie vergammelt im Odenwald. Wir sind von der Werbung besetzt. Unser Verlangen wird konstant angestachelt und auf Sachen gerichtet. Es ist nicht nur so, dass wir sowieso mit unserem Verlangen leben. Es ist auch so, dass unser Verlangen in der heutigen Sozialisierung ständig auf Hochtouren gebracht wird. Wir machen Yoga und gehen aus der Yogastunde und trotzdem ist das Verlangen da. Wir möchten schön aussehen. Wir möchten uns indisch kleiden, usw. Die Sprecherin ist von dem Vortrag nicht ausgenommen. Wir möchten uns chinesisch einrichten oder japanisch stilisieren. Wir trinken Grüntee. Wir könnten auch Brennnesseltee trinken. Er schmeckt ähnlich wie Grüntee. Der ganze Odenwald ist voll von Brennnesseln. Kein Mensch mag Brennnesseln. Unser Verlangen geht in die falsche Richtung.

Im Base habe ich dieses Jahr Folgendes erlebt. Das Base ist ein sehr karmischer Ort. Er fordert uns unglaublich heraus. Unser Nachbar im Base ist Inder und besitzt fünf Hektar Land. Er ist Landbesitzer und arbeitet auf einem Schiff in Griechenland. Irgendwann hatte er die Idee, dass er Avocados pflanzen könnte, um den Export anzukurbeln. Er hat alle alten, schönen Bäume auf den fünf Hektar Land fällen lassen, z. B. Jack Fruit-Bäume mit den großen Jackfruits. Er wollte die Bäume nicht, weil dadurch die Elefanten kommen und er wollte keine Betenden, die die sogenannten heiligen Bäume verehren. Die Nachbarn haben sich aufgeregt und ihm gesagt, dass er hier keine Avocado-Farm aufbauen kann, weil die Avocados Schatten brauchen. „Sie haben keinen Schatten, wenn du hier alle Bäume fällst.” Er hörte nicht zu.  Nein, es musste alles erst mal frei sein, steril – der Gedanke „mein Land ist clean“ war wichtig. Ich dachte, dass ich ja auch eine Großgrundbesitzerin bin. Obwohl ich die Bäume schützen will, – was denken die Leute dort? Auch ich lebe für sie weit weg hier in Deutschland.

Die Bäume von unserem Nachbar waren gefällt, einige wurden verkauft und der Rest wurde verbrannt. Der Nachbar hatte einen Manager, der die Vorstellung hat, dass erst einmal alles gerodet werden muss. Er hat die einfachen Leute, also unsere Nachbarn, die nichts oder nur wenig Land besitzen, für niedrigen Lohn angeheuert und gesagt, dass sie alles verbrennen sollen. Diese Menschen haben kein Gefühl mehr für das Land, weil es ihnen genommen wurde oder sie es zu ungünstigen Zeiten für wenig verkauft haben und sie jetzt nichts mehr haben. Sie werden dem Berg und dem Boden gegenüber träge und fühlen sich zu nichts mehr verpflichtet.   

So ist die Kette: Ein Großgrundbesitzer will mit Avocados Profit machen. Er gibt den Auftrag an einen Manager, der seine Vorstellungen hat, und am Schluss ist ein „Bimbo“, ein Landloser, der das Feuer macht. Es wurde immer Feuer gemacht, um Gartenabfälle zu verbrennen. Das ist etwas ganz Natürliches. Aber in solchen trockenen Gegenden – und die Trockenheit wird jedes Jahr schlimmer – hat man einst Tage ausgewählt, wo die Erde kühl war und der Wind gepasst hat. Man hat astrologische Befragungen gemacht und intim z. b. alle vier Jahre Gartenabfälle verbrannt. Die Asche hat man verteilt. Sie ist fruchtbar. Das ist jetzt ausgeufert und aus Kontrolle geraten. Die Menschen denken, Asche ist fruchtbar, lasst uns alles abfackeln. Der Mensch denkt, er ist mächtig und kann Feuer kontrollieren, verliert jedoch jede Kontrolle über das Feuer. Das Feuer ist mächtiger als der Mensch. Es wird uns alle zerstören, wenn wir nichts machen.

Ich habe es gesehen, in zwei Minuten hat der ganze Berg gebrannt. Es war nur noch ein Inferno. Ich habe starke Herzbeschwerden bekommen. Ich dachte, ich kann das nicht aushalten und wollte zurück nach Deutschland. Ich habe die Tiere genommen und bin in die andere Richtung gerannt. Ich habe ganz still geatmet und zu mir gesagt: „Nicht aufgeben, das überlebst du.“ Sriram hat in den Flammen gekämpft und mit den anderen versucht die Flammen zu bändigen. Er hat viel Rauch inhaliert. Das ging eine Woche lang so. Viel Asche kam über uns, alles war schwarz. Wir haben Glück gehabt, dank Vayu. Vayu, der Gott des Windes hat den Wind gedreht. Bevor er unsere Häuser und die Hochspannungsleitung erreicht hat, ist er auf den Berg hoch und hat das Feuer dorthin getrieben.

Das Verlangen der Psyche geht in die Weite. Dieses Verlangen nach mehr, z. B. das Verlangen den Kailash zu umrunden oder 40 000 € auszugeben, um mit Hilfe von Trägern den Mount Everest zu erklimmen. Dabei ertrinken Menschen im Meer. Sie dürfen nicht hier her. Wir dürfen den Kailash umrunden, weil wir Geld haben. Das geht so nicht weiter. Das geht nicht auf. Da können wir noch so gut atmen und buddhi trainieren. Wir müssen zur Wurzel kommen. Ich würde sagen, dass die Wurzel das Verlangen ist.

Die größte Evolution, die vor uns steht, ist die des Yogis, der um das Verlangen weiß.

Das Verlangen können wir nicht beseitigen, auch wenn wir in unserer Praxis sehr weit fortgeschritten sind. Wir verlangen immer nach etwas – einen schönen Garten, schöne Steine, eine Statue, eine gute Ehe, eine gute Freundschaft, sich neu zu verlieben, schöne Blumen in der Vase. Es wird nie aufhören. Verlangen gehört zu uns Menschen. Aber wie können wir dieses Verlangen in neue Bahnen bringen, dass es nicht so uferlos wird? Wir können das Verlangen nicht beseitigen, aber wir können es betrachten. Das tut die indische Kunst. Die indische Kunst ist die Kunst des Yogas. Sie ist nicht getrennt von Yoga. Beides ist in seiner Essenz eins. Es ist auch immer wieder von Sriram Worten ausgegangen, wie wichtig es ist, dass Yoga in einen Kultus eingebettet ist. Ein Kultus jenseits von: „Ich bin fit – ich bin fröhlich – ich bin frei“.

Das hat etwas mit unserer Psyche zu tun. Wenn wir die Psyche in unserem Wortgebrauch jetzt Seele nennen, dann ist die Seele etwas, das Melancholie kennt. Melancholie ist das Bewusstsein der Unerreichbarkeit der Dinge, und das Bewusstsein, dass mein Verlangen nie befriedigt werden kann. Ein melancholischer Mensch weiß über solche Dinge Bescheid. Wenn ich das Bild der Asketen in Indien vor mir habe, sehe ich tieftraurige Augen, einen ausgezehrten Blick und das Wissen, dass alles Vergänglichkeit ist. Diese Vergänglichkeit macht uns traurig. Warum ist es in unserer Gesellschaft nicht schicklich traurig zu sein? Warum müssen wir immer fit und fröhlich sein? Warum können wir nicht einfach sitzen und sagen: „Ich bin traurig“? 

Seit der Anfangszeit in Indien, wo Sriram und ich zusammenkamen, haben wir einen gemeinsamen Freund. Er ist Maler. Er fragte damals: „Warum macht Sriram jetzt Yoga? Das sind doch Besserwisser. Ich habe Angst vor Leuten, die Yoga machen. Sie sind so sauber und sie essen so gesunde Sachen. Ich brauche meinen Whisky und male meine Bilder.“ Dieser Mensch malt wunderschöne Bilder und er ist ein Asket. Er hat einen tieftraurigen Blick.

In der indischen Kultur gibt es ein großes Bewusstsein über Leid. Wir können auch in unserer Kultur schauen. In Portugal gibt es den Musikstil Fado, in Frankreich Chansons, aus der USA den Blues, in der klassischen Musik Schumann, Liszt. Das ist alles Melancholie. Jeder melancholische Mensch weiß, dass er sein Verlangen nicht stillen kann. Ich denke, dass das ganz gut zu dem passt, was Sriram heute Morgen über Leid gesagt hat, dass wir eine andere Beziehung zu Leid entwickeln müssen.